Ben und das Flüstern des Regenbogens

Ben war ein fröhlicher Junge mit hellblauen Augen und einer großen Liebe für Farben. Jeden Tag malte er neue Bilder, und sein größter Traum war es, einmal einen echten Regenbogen aus der Nähe zu sehen. Nicht nur von weitem, sondern ganz nah – so nah, dass er seine Farben berühren konnte.

Eines Morgens, nach einem warmen Frühlingsregen, sah Ben aus dem Fenster. Am Himmel spannte sich ein ungewöhnlich klarer und leuchtender Regenbogen. Er schimmerte so hell, als würde er direkt in den alten Kirschgarten hinter ihrem Haus fallen.

„Heute ist der Tag“, sagte Ben leise und nahm seinen kleinen Malkasten mit. „Heute finde ich den Regenbogen.“

Im Garten duftete alles nach nassem Holz und süßen Blüten. Ben folgte dem lebendigen Farbband, das sich immer tiefer zwischen die Bäume zog. Plötzlich hörte er ein ganz leises Flüstern.

„Ben… Ben… Komm näher…“
Ben blieb stehen. „Wer spricht da?“

Das Flüstern antwortete: „Ich bin der Regenbogen. Und ich brauche deine Hilfe.“

Ben staunte. „Ein Regenbogen, der sprechen kann? Was ist denn los?“

„Meine Farben verlieren ihre Kraft“, flüsterte der Regenbogen sanft. „Irgendetwas im Kirschgarten nimmt mir das Leuchten. Wenn ich erblasse, können die Blumen die richtigen Farbtöne nicht mehr finden und die Welt wird blasser werden.“

Ben drückte seinen Malkasten fest an sich. „Dann helfe ich dir. Sag mir, was ich tun kann.“

Der Regenbogen erklärte: „Im Herzen des Gartens lebt ein alter Farbsammler. Er liebt Farben so sehr, dass er sie für sich behalten möchte. Er nimmt sie aus allem um sich herum, ohne zu merken, dass er anderen schadet. Du musst mich mit echten Farben stärken, damit ich wieder vollständig werde.“

Ben nickte entschlossen und machte sich auf den Weg. Je weiter er ging, desto grauer wurde die Umgebung. Blüten, die sonst rosa strahlten, wirkten nun fast durchsichtig. Die Vögel hatten matte Federn, und sogar die Kirschbäume standen blass und müde da.

Im Garteninneren fand Ben schließlich den Farbsammler. Es war ein kleines, verblasstes Wesen, das wie ein alter Windgeist aussah. Er trug einen Korb voller schimmernder Farben, die pulsierten wie winzige Lichter.

Ben trat mutig vor. „Du sammelst Farben, aber du nimmst zu viel. Die Welt braucht sie.“

Der Farbsammler sah Ben traurig an. „Ich weiß… Ich wollte nur das Funkeln nicht verlieren. Ich wollte es bei mir haben.“
Seine Stimme bebte. „Aber jetzt ist alles um mich herum grau geworden.“

Ben öffnete seinen Malkasten. „Ich kann dir helfen. Lass uns die Farben zurückbringen. Du behältst deine Erinnerungen an sie – aber die Farben selbst gehören allen.“

Der Farbsammler überlegte lange, dann nickte er. „Vielleicht ist das besser.“

Gemeinsam öffneten sie vorsichtig den Korb. Die Lichtfarben schwebten heraus, wie tanzende Funken. Ben malte mit schnellen, sicheren Strichen über die grauen Blätter, die Blumen und die Baumrinde – und überall, wo sein Pinsel berührte, kehrten lebendige Farbtöne zurück.

Die Welt um sie herum begann zu leuchten. Rosa Kirschblüten, goldene Schmetterlinge, smaragdgrüne Blätter – alles füllte sich mit neuer Kraft.

Der Regenbogen erschien erneut über ihnen und flüsterte: „Ben, du hast mir geholfen, meine Farben wiederzufinden.“

Ein warmer Lichtstrahl strich über Bens Hände. „Du hast verstanden, dass Farben zum Teilen da sind.“

Ben lächelte stolz. „Und du wirst nie wieder verschwinden.“

Der Regenbogen spannte sich weit über den Himmel und schimmerte so hell wie nie zuvor. Der Farbsammler verbeugte sich klein und dankbar. „Ich werde nie wieder alles an mich reißen. Ich passe auf, dass die Farben frei bleiben.“

Ben ging glücklich nach Hause. Als er sein neuestes Bild malte, strahlten die Farben wie lebendige Funken – als kleines Geschenk des Regenbogens.

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