Die verschwundene Stimme des Meeres

An der felsigen Küste von Liron lebte ein Mädchen namens Mira. Sie liebte das Meer mehr als alles andere. Besonders gern hörte sie den Gesang der Wellen – ein tiefer, warmer Klang, der jeden Morgen wie eine Melodie über den Strand wehte.

Doch eines Tages war alles anders.

Als Mira zum Wasser lief, hörte sie – nichts. Keine Melodie. Kein Rauschen. Nur Stille.

„Das Meer… schweigt“, flüsterte sie erschrocken.

Am Strand saß eine alte Schildkröte, die Mira noch nie zuvor gesehen hatte. Ihr Panzer war dunkelblau wie die Tiefsee, und ihre Augen leuchteten geheimnisvoll.

„Suchst du den Gesang?“, fragte die Schildkröte mit ruhiger Stimme.

Mira nickte. „Er ist verschwunden.“

„Er wurde gestohlen“, sagte die Schildkröte. „Von Nyras, dem Schattenfisch der Tiefe. Er sammelt Geräusche, um selbst stärker zu werden.“

Mira ballte die Fäuste. „Dann hole ich den Gesang zurück!“

Die Schildkröte musterte sie lange. „Eine mutige Entscheidung. Komm, steig auf meinen Panzer. Nur ein Herz, das das Meer liebt, kann diesen Weg gehen.“

Sie glitten durch das Wasser wie über einen gläsernen Spiegel. Weiter und weiter, bis das Blau um sie herum dunkler wurde. Fische mit goldenen Schuppen tauchten auf und führten sie zu einem schimmernden Tor aus Korallen.

„Hier beginnt die Tiefe“, sagte die Schildkröte. „Ich kann nicht weiter. Aber du wirst dort Freunde finden.“

Mira trat vorsichtig hindurch. Dahinter herrschte Dunkelheit – doch kleine Lichtpunkte glimmten wie Sterne im Wasser. Eine große Krabbe mit Rubinaugen näherte sich.

„Du suchst den Schattenfisch?“, knurrte sie. „Nimm diesen Stein.“
Die Krabbe überreichte ihr einen kleinen hellblauen Kristall. „Er zeigt dir, was verborgen ist.“

Mira bedankte sich und schwamm weiter. Bald bemerkte sie einen langen Schatten, der sich durch das Wasser wand.

Nyras.

Der Schattenfisch glitzerte schwarz wie Tinte, und sein Körper war von schimmernden Geräuschekugeln umgeben – jede Kugel ein Klang, den er gestohlen hatte.

„Gib den Gesang des Meeres zurück!“, rief Mira.

Nyras’ Augen funkelten kalt. „Warum sollte ich? Die Stimmen der Welt gehören jetzt mir.“

Mira hielt ihm den Kristall entgegen. Das Licht des Steins breitete sich aus und zeigte, dass der Schattenfisch kleiner war, als er wirkte. Ohne die gestohlenen Stimmen war er schwach und verletzlich.

„Du fürchtest das Meer“, sagte Mira ruhig. „Darum nimmst du seinen Klang. Aber Stärke findet man nicht im Stehlen.“

Nyras zögerte. Dann begann sein Körper zu flackern. „Wenn ich ihn zurückgebe… werde ich verschwinden.“

Mira schwamm näher. „Nein. Das Meer lässt niemanden allein. Wenn du den Klang freilässt, wirst du deinen eigenen finden.“

Lange Zeit geschah nichts. Dann lösten sich die Geräuschekugeln langsam vom Körper des Schattenfischs. Eine nach der anderen stieg auf. Als die letzte sich öffnete, strömte die Melodie des Meeres zurück in die Welt – tief, stark und wunderschön.

Nyras’ Schatten wurde heller. Er verwandelte sich in einen silbrigen, friedlichen Fisch.

„Danke…“, flüsterte er.

Mira kehrte zur Schildkröte zurück. Die Wellen begrüßten sie mit ihrem bekannten Lied.

„Du hast das Meer geheilt“, sagte die Schildkröte.

„Nein“, antwortete Mira. „Es hat sich selbst geheilt. Ich habe nur zugehört.“

Und von diesem Tag an wusste Mira: Wer die Stimmen der Welt achtet, findet immer einen Weg durch die Dunkelheit.

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