In einem ruhigen Wald, in dem die Baumkronen wie ein grünes Dach über allen Tieren schwebten, lebte ein kleines Rehkitz namens Lina. Lina war neugierig, sanft und für ihre Freundlichkeit im ganzen Wald bekannt. Doch eines Morgens bemerkte sie etwas Seltsames: Der goldene Morgenstern, der sonst jede Dämmerung über den Bäumen funkelte, leuchtete nicht mehr.
„Warum ist es heute so dunkel?“, fragte Lina und blickte besorgt in den Himmel.
Ihr bester Freund, der flinke Specht Pip, flatterte zu ihr hinunter. „Ich habe gehört, dass der Morgenstern in der Nacht heruntergefallen ist. Niemand weiß wohin.“
Lina legte den Kopf schief. „Dann müssen wir ihn finden. Ohne den Morgenstern wachen die Blumen nicht richtig auf und die Tiere beginnen den Tag viel später.“ Pip nickte entschlossen. „Dann wird dies unser Abenteuer!“
Gemeinsam machten sie sich auf den Weg. Der Wald war noch stiller als sonst; selbst die Sonnenstrahlen wirkten schläfrig. Die beiden Freunde erreichten zuerst den Silbersee. Dort schwamm die weise Schildkröte Mira gemächlich ihre Kreise.
„Mira, hast du vielleicht einen goldenen Stern gesehen?“, fragte Lina.
Mira dachte kurz nach. „Ich habe einen warmen Schimmer vom Moosberg aus gesehen. Vielleicht ist der Stern dort gelandet.“
Lina und Pip bedankten sich und eilten weiter. Der Moosberg war steil, doch Lina blieb mutig. „Wir schaffen das“, sagte sie und kletterte vorsichtig den moosigen Hang hinauf. Oben angekommen sahen sie tatsächlich einen schwachen Lichtschein, der aus einer Felsspalte drang.
Pip lugte hinein. „Da unten ist er. Aber er ist so schwach. Vielleicht braucht er Hilfe.“
Lina kniff die Augen zusammen. „Der Stern braucht Wärme und Freundlichkeit. Dann leuchtet er wieder auf.“
Gemeinsam suchten sie trockenes Laub, weiches Moos und ein paar glitzernde Tautropfen. Vorsichtig legten sie alles um den kleinen Stern. Lina sprach leise: „Du bist nicht allein. Wir passen auf dich auf.“
Langsam, ganz langsam, begann der Stern heller zu werden. Erst ein sanftes Glimmen, dann ein warmes Leuchten, bis er schließlich wieder in seiner vollen Kraft strahlte.
Ein tiefer Klang erfüllte die Luft, und der Stern erhob sich. „Danke, kleine Freunde“, sagte eine weiche, warme Stimme. „Ihr habt mich gefunden und mit Güte gestärkt. Jetzt kann ich wieder an meinen Platz am Himmel zurückkehren.“
Lina lächelte. „Dann beginnt der Tag wieder pünktlich.“
Der Stern stieg höher, immer höher und nahm wieder seinen Platz am frühen Morgenhimmel ein. Der Wald erhellte sich sofort, Blumen öffneten ihre Blüten und die Tiere begannen fröhlich ihren Tag.
Pip flog eine kleine Runde aus Freude. „Lina, wir haben es geschafft!“
Lina nickte. „Weil wir zusammengehalten haben.“
Und so wurde dieser Morgen im Wald nie vergessen. Denn jeder wusste nun: Freundschaft und Güte können selbst einen verlorenen Stern wieder zum Leuchten bringen.