Mila und der kleine Windfänger

Auf einer sanften Hügellandschaft, in der die Wiesen wie ein grünes Meer im Wind wogten, lebte ein kleines Mädchen namens Mila. Mila liebte den Wind mehr als alles andere. Sie mochte es, wie er ihr Haar bewegte, wie er die Blätter zum Tanzen brachte und wie er geheime Lieder durch die Zweige der Eichen flüsterte.

Eines Tages, während Mila am Bach spielte, hörte sie ein leises Rascheln hinter einem Stein. Sie ging vorsichtig näher – und entdeckte ein winziges Wesen. Es war kaum größer als ihre Hand, hatte durchsichtige Flügel und einen Körper, der in sanften Blautönen schimmerte.

„Hallo…?“, fragte Mila vorsichtig.

Das Wesen sprang erschrocken auf, stolperte fast und hielt sich an einem Grashalm fest. „Oh, du kannst mich sehen?“, piepste es überrascht.

„Natürlich“, sagte Mila freundlich. „Wer bist du?“

„Ich bin Fino, ein kleiner Windfänger. Meine Aufgabe ist es, die verlorenen Windfunken einzusammeln, damit sie wieder frei durch die Welt fliegen können… aber ich habe ein Problem.“

Mila setzte sich zu ihm. „Was für ein Problem?“

Finis Flügel zitterten. „Ich habe meinen Windbeutel verloren. Ohne ihn kann ich die Funken nicht tragen. Wenn sie zu lange ohne Schutz bleiben, verschwinden sie.“

Mila schaute besorgt den Hügel hinauf, wo der Wind schwächer wehte als sonst. „Dann helfe ich dir. Zusammen finden wir deinen Windbeutel.“

Fino strahlte. „Wirklich?“

„Natürlich“, sagte Mila. „Freunde helfen einander.“

Sie machten sich sofort auf den Weg. Die beiden suchten zwischen Moosteppichen, unter alten Wurzeln, in Brombeerhecken und sogar in den hohen Wiesen, doch der Beutel blieb verschwunden. Als sie oben am Hügel ankamen, spürte Mila plötzlich eine warme Brise.

„Der Wind möchte uns etwas sagen“, murmelte sie.

Fino lauschte. „Er sagt… wir sollen zum alten Windbaum gehen.“

Der Windbaum stand einsam auf dem höchsten Punkt der Landschaft. Seine Äste waren dünn und doch stark, und er sah aus, als könnte er den Himmel berühren. Als Mila und Fino sich näherten, raschelten die Blätter wie tausend kleine Stimmen.

Mila bemerkte etwas Glitzerndes in einer Astgabel. „Da!“

Fino flatterte hinauf und rief erleichtert: „Mein Windbeutel!“

Doch der Beutel hing fest und ließ sich nicht lösen. Mila legte eine Hand auf die Rinde des Baumes. „Windbaum… wir brauchen deine Hilfe. Fino muss die Funken retten.“

Sanfter Wind strich über Milas Finger. Dann bewegte sich der Ast langsam – ganz langsam – und senkte sich so weit, dass Fino den Beutel erreichen konnte.

„Danke!“, rief Fino glücklich.

Der Baum rauschte zufrieden.

Doch plötzlich hörten sie ein schwaches Flackern. Kleine Windfunken – winzige, leuchtende Punkte – schwebten am Himmel und wurden immer matter.

„Schnell!“, rief Fino. „Sie verschwinden!“

Mila öffnete den Windbeutel, und Fino begann, die Funken hineinzusammeln. Sie flogen umher wie kleine Sterne im Tageslicht und ließen sich mit Milas Hilfe einfangen. Nach einer Weile leuchteten sie wieder kräftig.

„Wir haben es geschafft“, sagte Mila.

Fino schwebte vor ihr in der Luft. „Mila, ohne dich wäre der Wind heute verstummt. Danke.“

Mila lächelte. „Der Wind gehört zu uns allen. Ich wollte nur helfen.“

Fino öffnete den Windbeutel. Ein Funkenschwarm stieg empor und tanzte um Mila herum, bevor er in den Himmel stieg und den Wind wieder lebendig machte. Die Wiesen begannen zu rauschen, die Bäume flüsterten und die Luft fühlte sich wieder frei an.

„Du bist nun eine Freundin des Windes“, sagte Fino stolz. „Wann immer du mich brauchst – ich werde irgendwo in der Brise sein.“

Und mit einem letzten Wirbel verschwand er im Himmel.

Mila ging nach Hause, spürte die lebendige Luft um sich herum und wusste, dass der Wind ihr von nun an Geschichten erzählen würde.

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