Nala und das Lied des Mondfuchses

In einer klaren Sommernacht, in der der Himmel voller funkelnder Sterne stand, lag Nala wach in ihrem Bett. Sie war ein ruhiges, träumerisches Mädchen und liebte es, den Mond anzusehen. Doch heute war etwas anders: Ein silbriger Schimmer bewegte sich im Garten, als würde jemand zwischen den Büschen tanzen.

„Das ist kein Schatten“, flüsterte Nala. „Da ist jemand.“

Neugierig öffnete sie das Fenster und sah eine Gestalt, die wie aus Licht gewebt war: ein kleiner Fuchs mit schneeweißen Pfoten, funkelnden Augen und einem Schweif, der im Mondlicht glitzerte.

„Du… du bist ein Mondfuchs!“, hauchte Nala, denn ihre Großmutter hatte ihr oft Geschichten über diese magischen Tiere erzählt.

Der Fuchs sah sie ruhig an. „Nala, ich brauche deine Hilfe“, sagte er mit einer Stimme, die so weich war wie Mondschein. „Mein Lied ist verschwunden.“

„Dein Lied?“

Der Fuchs nickte. „Jeder Mondfuchs trägt ein Lied in seinem Herzen. Es bringt Licht in dunkle Nächte und wärmt die Träume der Kinder. Aber mein Lied wurde von einem Schattenwald verschluckt. Ohne es verlieren die Nächte ihren Glanz.“

Nala spürte Mut in sich aufsteigen. „Dann lass uns dein Lied zurückholen.“

Der Mondfuchs führte sie leise durch den Garten und dann in ein Waldstück, das Nala noch nie zuvor gesehen hatte. Die Bäume standen dicht beieinander und warfen dunkle Schatten auf den Boden. Ein kühler Wind strich über Nal­as Arme.

„Hab keine Angst“, sagte der Mondfuchs. „Der Schattenwald ist nur so dunkel, wie die Angst, die man mitbringt.“

Sie gingen weiter, bis sie ein tiefes, dumpfes Summen hörten. Es vibrierte in der Luft und ließ die Blätter erzittern. In der Mitte einer kleinen Lichtung stand ein alter, knorriger Baumstumpf, der von einem schwarzen Schleier umhüllt war.

„Dort drin… steckt mein Lied fest“, flüsterte der Fuchs.

Nala trat näher. „Wie befreien wir es?“

„Nur jemand mit einem mutigen Herzen kann den Schleier auflösen. Aber der Schatten testet zuerst deinen Mut.“

Kaum hatte er das gesagt, erhoben sich dunkle Schwaden aus dem Baumstumpf. Sie formten sich zu Gestalten – hoch, zischend, flackernd wie Rauch.

„Du wirst es nicht schaffen“, wisperten sie. „Du bist zu klein, zu schwach, zu ängstlich.“

Nala atmete tief ein. Früher hätte sie vielleicht gezögert. Doch heute stand der Mondfuchs neben ihr. Und irgendwo da draußen warteten alle Kinder auf ein warmes, leuchtendes Traumlied.

„Ich bin nicht allein“, sagte Nala fest. „Und Mut heißt nicht, keine Angst zu haben. Mut heißt, trotzdem weiterzugehen.“

In diesem Moment begann etwas in ihrem Inneren zu glimmen – ein kleiner, heller Funke, warm wie ein Sonnenstrahl. Das Licht wuchs, füllte ihren Brustkorb und strahlte schließlich aus ihr heraus.

Die Schatten kreischten und wichen zurück. Der schwarze Schleier riss auf, und aus dem Baumstumpf drang eine Melodie hervor, die so schön war, dass Nala Tränen in den Augen bekam. Sanfte, klare Töne, wie das Leuchten der Sterne.

„Mein Lied!“, rief der Mondfuchs glücklich.

Das Lied schwebte in silbernen Wellen aus dem Stumpf, umkreiste den Fuchs und glitt dann wie funkelnder Staub in sein Herz zurück. Der Fuchs leuchtete nun heller, sein Schweif strahlte wie ein weißer Bogen aus Licht.

„Nala, du hast das geschafft, was selbst ein Mondfuchs nicht konnte“, sagte er. „Du hast dein eigenes Licht gefunden.“

Nala wurde warm ums Herz. „Ich bin froh, dass ich dir helfen konnte.“

Der Fuchs berührte ihre Hand mit seiner Nase. „Wann immer du in der Nacht Mut brauchst, höre nach draußen. Mein Lied wird dich begleiten.“

Mit einem Bogen aus Licht verschwand er zwischen den Bäumen. Nala ging langsam nach Hause, und als sie ins Bett kroch, hörte sie ein leises, schönes Lied – das Lied des Mondfuchses, das nun wieder die Träume der Kinder beschützte.

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