Timo lebte am Rand eines großen Waldes. Er liebte es, abends am Fenster zu sitzen und den Mond zu beobachten. Doch in jener Nacht sah er etwas, das er noch nie zuvor gesehen hatte: Eine silberne Eule mit glitzernden Augen landete direkt auf dem Ast vor seinem Zimmer.
Timo riss die Augen auf.
„Wer bist du denn?“
Die Eule neigte den Kopf und sprach in einer warmen, klaren Stimme:
„Ich bin Liora, die Mond-Eule. Ich bringe Licht, wo Kinder Mut brauchen.“
Timo traute seinen Ohren kaum. „Kannst du mir den Wald zeigen? Bei Nacht?“
Liora breitete ihre schimmernden Flügel aus. „Steig auf meinen Rücken. Ich werde gut auf dich achten.“
Timo setzte sich vorsichtig auf das weiche Gefieder, und schon glitten sie in die Nacht hinaus. Der Wald lag dunkel unter ihnen, aber Lioras Gefieder glühte wie Mondstaub und ließ die Schatten sanft verschwinden.
„Warum leuchtest du?“, fragte Timo.
„Damit Kinder sehen, dass die Nacht nicht nur dunkel ist“, antwortete Liora. „Sie ist voller Geheimnisse, die entdeckt werden wollen.“
Sie flogen über Bäume, die wie schwarze Riesen standen, doch mit Lioras Licht wirkten sie freundlich und ruhig. Unten huschte ein Reh vorbei. Ein Fuchs blickte neugierig zu ihnen hinauf.
„Hab keine Angst“, sagte Liora. „Alle Tiere schlafen oder wachen, genau wie du.“
Timo fühlte Mut in sich wachsen. Die Nacht war gar nicht unheimlich – nur anders.
Liora landete an einer kleinen Waldlichtung. Dort leuchteten winzige Sterne am Boden, als wären sie in der Erde gewachsen.
„Das sind Mondblumen“, sagte Liora. „Sie öffnen sich nur für Kinder, die der Nacht vertrauen.“
Timo kniete sich hin. Die Blumen glitzerten in kleinem Silber. Es fühlte sich an wie ein Geschenk.
„Danke, Liora“, flüsterte er. „Ich glaube, ich werde die Nacht nie wieder fürchten.“
Die Mond-Eule lächelte mit ihren hellen Augen. „Mut entsteht, wenn wir etwas Neues wagen.“
Sie trug Timo zurück zum Fenster. Der Himmel war schon heller, und Liora begann, durchsichtig zu werden.
„Ich muss zurück zum Mond“, sagte sie. „Aber wenn du wieder Mut brauchst, schau in den Himmel.“
Timo nickte und winkte ihr nach. Im gleichen Moment, in dem Liora verschwand, leuchtete der Mond ein kleines bisschen heller – nur für ihn.