Timo und die Uhr des Waldes

Der Eichenwald war an diesem Morgen merkwürdig still. Keine Vogelstimmen, kein Rascheln, kein Flüstern der Blätter. Nur Timo, ein kleiner Junge mit braunen Locken und wachen Augen, merkte sofort, dass etwas nicht stimmte.

„Der Wald… er schläft noch“, sagte er leise.

Timo verbrachte fast jeden Tag im Wald. Er kannte jede Lichtung, jeden Baum und jedes Geräusch. Doch heute fühlte sich alles seltsam an – als wäre die Zeit stehen geblieben.

Als er tiefer in den Wald ging, hörte er plötzlich ein leises Klirren, als würde etwas Metallisches zittern.

„Hallo?“, rief Timo vorsichtig.

Aus einem Busch kam ein kleines Tier hervor – ein Eichhörnchen, das eine winzige Brille trug. Es hielt einen zerbrochenen Zeiger in den Pfoten.

„Oh nein, oh nein… das ist schlimm!“, rief das Eichhörnchen verzweifelt.

Timo hockte sich hin. „Was ist passiert?“

„Ich bin Rafi, der Hüter der Walduhr“, quietschte das Eichhörnchen. „Die große Uhr tief im Herzen des Waldes regelt das Erwachen aller Tiere. Aber die Uhr ist stehen geblieben! Und ohne Zeit… wacht niemand auf.“

„Dann müssen wir sie reparieren“, sagte Timo sofort.

Rafi blinzelte. „Aber die Walduhr ist sehr alt. Ihre Zahnräder sind riesig. Ich kann das nicht allein schaffen.“

Timo lächelte. „Dann machen wir es zusammen.“

Sie liefen los, vorbei an schlafenden Füchsen, zusammengekauerten Hasen und stillen Vögeln. Der Wald wirkte wie ein Bild, das jemand angehalten hatte.

Schließlich erreichten sie eine versteckte Lichtung. In der Mitte stand ein alter Turm, überwachsen mit Moos und Efeu. Doch an seiner Spitze leuchtete ein Kreis aus goldenem Metall – die legendäre Walduhr.

„Sie ist wunderschön“, murmelte Timo.

Rafi zeigte auf den Uhrzeiger. „Der Minutenzeiger ist abgebrochen. Ohne ihn kann die Uhr nicht weiterticken.“

Sie stiegen vorsichtig die Rampe hinauf. Im Inneren des Turmes waren gigantische Zahnräder, die jedoch stillstanden. Die Luft vibrierte leicht, als wollten sie weiterlaufen, aber nicht konnten.

„Ich muss den Zeiger wieder einsetzen“, sagte Timo und kletterte vorsichtig ein Stück höher.

Rafi zitterte. „Pass auf… die Uhr kann manchmal plötzlich zurückspringen.“

Timo steckte den Zeiger vorsichtig in die Halterung. Doch die Zahnräder waren so schwer, dass sie sich nicht rührten.

„Wir brauchen mehr Kraft“, sagte Timo. Er drückte mit aller Macht gegen das große Rad – doch es blieb stehen.

Da hörte er ein schwaches Piepsen über sich. Ein kleiner Vogel war wach geworden und schüttelte neugierig die Federn.

„Kannst du uns helfen?“, fragte Timo.

Der Vogel flatterte hinab und pickte gegen ein kleines Seitenteil. Ein leises Klicken ertönte – und plötzlich bewegte sich das Zahnrad einen Millimeter.

Rafi rief aufgeregt: „Es funktioniert! Weiter!“

Bald kam ein zweiter Vogel, dann ein dritter. Mit winzigen Bewegungen pickten sie an kleinen Hebeln, während Timo drückte und zog. Langsam – sehr langsam – begann die Walduhr zu arbeiten.

„Noch ein bisschen!“, rief Rafi.

Ein tiefes Ticken erfüllte den Turm. Erst langsam… dann kräftiger… schließlich in einem klaren, rhythmischen Schlag.

Tick.

Tack.

Tick.

Tack.

Der Wald atmete auf. Von den Bäumen ertönte ein erstes Zwitschern. Die Hasen streckten sich. Die Füchse gähnten. Die Blätter rauschten. Die Sonne schien heller. Alles kehrte zurück.

Rafi sprang Timo auf die Schulter. „Du hast es geschafft! Der Wald lebt wieder.“

Timo lächelte breit. „Wir haben es geschafft – alle zusammen.“

Der kleine Vogel flatterte vor ihm. „Du bist ein Freund des Waldes geworden“, sagte er mit weicher Stimme.

Timo fühlte Stolz in sich aufsteigen. „Ich komme bald wieder“, versprach er.

Und so erwachte der Eichenwald dank einem mutigen Jungen, einem brillianten Eichhörnchen und ein paar tapferen Vögeln wieder zum Leben – und das Ticken der Walduhr hallte fortan wie ein Lied, das den Beginn jedes neuen Tages verkündete.

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